Einschränkungen des Einzelhandels im Saarland durch „Corona-Verordnung“ teilweise unwirksam

12Mrz21

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Saar­lou­is hat mit Beschluss vom 09.03.2021 – 2 B 58/21 Be­schrän­kun­gen des Ein­zel­han­dels teil­wei­se außer Voll­zug ge­setzt. Eine Recht­fer­ti­gung für die Ungleichbehandlung be­stimm­ter Ge­schäf­te wie den Com­pu­ter­la­den der An­trag­stel­le­rin in Bezug auf Ter­min­shop­ping und Kun­den pro Qua­drat­me­ter ge­gen­über an­de­ren Ge­schäf­ten wie Buch­hand­lun­gen und Blu­men­ge­schäf­ten stren­ger zu be­han­deln, ist nach An­sicht des OVG nicht zu er­ken­nen.

Un­ter­schied­li­che Vor­ga­ben für Ge­schäfts­lo­ka­le

Die An­trag­stel­le­rin be­treibt ein Ein­zel­han­dels­un­ter­neh­men für IT-Tech­nik auf 140 Qua­drat­me­tern. Der § 7 Abs. 3 Satz 7 der Ver­ord­nung zur Be­kämp­fung der Co­ro­na-Pan­de­mie (VO-CP) in der Fas­sung vom 06.03.2021 lässt in­so­weit den Zu­tritt nur nach vor­he­ri­ger Ter­min­ver­ga­be und nur für einen Kun­den sowie eine wei­te­re Per­son aus des­sen Haus­stand pro 40 qm zu. Bei den durch § 7 Abs. 3 Satz 2 VO-CP pri­vi­le­gier­ten Ge­schäfts­lo­ka­len, zu denen nun­mehr auch Buch­hand­lun­gen und Blu­men­ge­schäf­te ge­hö­ren, sieht der Ver­ord­nungs­ge­ber da­ge­gen nach dem § 4 Abs. 1 Satz 1 VO-CP eine Flä­chen­un­ter­gren­ze von le­dig­lich 15 qm Ver­kaufs­flä­che pro Per­son als in­fek­ti­ons­schutz­recht­lich un­be­denk­lich an.

Ge­richt sieht keine Recht­fer­ti­gung für Un­gleich­be­hand­lung

Eine mit Blick auf den Gleich­heits­satz in Art. 3 Abs. 1 GG er­for­der­li­che Recht­fer­ti­gung dafür, be­stimm­te Ge­schäf­te wie bei­spiels­wei­se den Com­pu­ter­la­den der An­trag­stel­le­rin ge­gen­über den in § 7 Abs. 3 Satz 2 VO-CP ge­nann­ten zahl­rei­chen pri­vi­le­gier­ten Ein­zel­han­dels­ge­schäf­ten, die nicht immer zur Si­cher­stel­lung der Ver­sor­gung der Be­völ­ke­rung un­be­dingt er­for­der­lich seien, mit Blick auf das In­fek­ti­ons­ge­sche­hen deut­lich stren­ger zu be­han­deln, kön­nen die Rich­ter nicht er­ken­nen. Die Ein­hal­tung der in den ein­schlä­gi­gen Hy­gie­ne­kon­zep­ten vor­ge­ge­be­nen Maß­nah­men und Vor­keh­run­gen der Kon­takt­ver­mei­dung zur Ver­hin­de­rung einer wei­te­ren Aus­brei­tung der In­fek­ti­on mit dem SARS-CoV2-Virus liege dabei im ur­ei­ge­nen In­ter­es­se der Ge­schäfts­be­trei­ben­den.

Exis­tenz­be­dro­hen­der Scha­den durch Ein­schrän­kun­gen droht

Die ge­gen­wär­ti­ge Re­ge­lung ver­let­ze auch das Grund­recht der Be­rufs­aus­übungs­frei­heit (Art. 12 Abs. 1 GG) und die Ei­gen­tums­ga­ran­tie (Art. 14 GG). Es be­stün­den er­heb­li­che Zwei­fel an der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit der Be­triebs­ein­schrän­kun­gen. Wie bei zahl­rei­chen an­de­ren klei­ne­ren Ein­zel­han­dels­ge­schäf­ten mit spe­zi­el­lem Wa­ren­sor­ti­ment drohe auf­grund der bis­he­ri­gen Schlie­ßung und bei Fort­dau­er der wirt­schaft­lich mit deut­li­chen Ein­bu­ßen ver­bun­de­nen Öff­nungs­be­schrän­kung nach Ma­ß­ga­be des § 7 Abs. 3Satz 7 VO-CP ein er­heb­li­cher, mit zu­neh­men­der Dauer exis­tenz­be­dro­hen­der Scha­den.

Ver­mei­dung der Über­las­tung des Ge­sund­heits­sys­tems als Ziel

Dabei könne da­hin­ste­hen, ob die Wie­der­eröff­nung die­ser Ge­schäf­te mit stren­gen Hy­gie­ne­vor­ga­ben an­ge­sichts der bis­he­ri­gen Kon­zen­tra­ti­on auf die „gro­ßen Märk­te“ und Voll­sor­ti­men­ter sogar zu einer Ent­span­nung des Ein­kaufs­ge­sche­hens be­zie­hungs­wei­se zur Re­du­zie­rung der damit ver­bun­de­nen Kun­den­an­samm­lun­gen führe. Neben einer Mi­ni­mie­rung von neuen Krank­heits- und To­des­fäl­len sei zen­tra­les Ziel der Con­trol­CO­VID-Stra­te­gie eine Ver­mei­dung der Über­las­tung des Ge­sund­heits­sys­tems. Die Be­rich­te des Ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­ums zur „Aus­las­tung der Ka­pa­zi­tä­ten der saar­län­di­schen Kli­ni­ken auf Grund von Er­kran­kun­gen vor allem durch das Co­ro­na­vi­rus be­zie­hungs­wei­se Covid-19“ zeig­ten, dass die Si­tua­ti­on weder bei den ak­tu­ell vor­ge­hal­te­nen Bet­ten zur In­ten­siv­be­hand­lung noch bei den Bet­ten mit Be­at­mungs­mög­lich­keit der­zeit ein Er­rei­chen der Be­las­tungs­gren­ze na­he­le­ge.

RKI: „Nied­ri­ge“ Ein­stu­fung für Ein­zel­han­del

Eine vom RKI vor­ge­nom­me­ne Be­stim­mung ein­zel­ner Ri­si­ken nach den Kri­te­ri­en des in­di­vi­du­el­len In­fek­ti­ons­ri­si­kos und des An­teils am Ge­samt­in­fek­ti­ons­ge­sche­hen weise für das „Set­ting“ Ein­zel­han­del je­weils le­dig­lich die Ein­stu­fun­gen „nied­rig“ aus. Aus dem La­ge­be­richt des RKI (Stand 08.03.2021) er­ge­be sich, dass die hohen bun­des­wei­ten Fall­zah­len durch zu­meist dif­fu­se Ge­sche­hen mit zahl­rei­chen Häu­fun­gen ins­be­son­de­re in Haus­hal­ten, im be­ruf­li­chen Um­feld und in Alten- und Pfle­ge­hei­men ver­ur­sacht wer­den.

Quelle: Redaktion beck-aktuell, 11. März 2021



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